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Ausstellung

Information rund um die Ausstellung
LEBE DEIN AENDERN
Positionen aktueller Kunstproduktion

KURZE EINFÜHRUNG IN DAS PROJEKT „LEBE DEIN AENDERN“ von Volker Schwennen Kurator / Festivalinitiator


In der Ausstellung zum Randlage Artfestival Worpswede LEBE DEIN AENDERN präsentieren wir Positionen aktueller Kunstproduktion von über 25 Künstler*innen in der Galerie Altes Rathaus, Bergstraße 1, 27726 Worpswede vom 21.09. - 20.10.19.


Lebensräume werden enger, die Anforderungen an unsere Gesellschaft und an jeden einzelnen Menschen steigen weiter, vieles muss neu gedacht und neu verhandelt werden. Zahlreiche Möglichkeiten bieten sich uns, wobei manche undurchsichtig, unüberschaubar scheinen, und angesichts der Vielfalt verlieren so manche die Orientierung.

Mit der Ausstellung LEBE DEIN AENDERN stellen wir uns der Herausforderung, Positionen verschiedener Disziplinen von 25 Künstler*innen aus Bremen, Hamburg, Berlin, Braunschweig, Köln und Worpswede auf engstem Raum direkt im Zentrum der bekanntesten Künstlerkolonie des Landes zu zeigen.

Während des experimentell gestalteten Randlage Artfestival Worpswede können wir Debatten anstoßen. Im Zuge der Belebung und voranschreitenden Entwicklung Worpswedes als besonderer Lebensort müssen auch gute Bedingungen für national und international arbeitende Künstler*innen, die aktuelle Kunstproduktion und -präsentation mitgedacht und umgesetzt werden.

In erster Linie geht es um die Kunst und das einzelne Werk, in zweiter um die Thematisierung von Wohn- und Lebensraum. Und die Frage, wie wir eigentlich in Zukunft leben wollen, schwingt dabei ständig mit.

Von Geburt an entwickeln wir uns ständig weiter und verändern uns permanent: Kita, Schule, Ausbildung, der erste Job, das Studium, die Überwindung der Zeit hin zum Erwachsenwerden, die Gründung einer Familie bis hin zur Trennung von bisherigen und Bildung neuer Lebenspartnerschaften, die Findung von Freund*innen und Arbeitskolleg*innen haben sämtlich Einfluss auf unser Leben und zwingen uns immer wieder zu Veränderungen. Viele Veränderungen sind für uns normal, wieder andere werden einem aufgedrängt – manche führen wir selber und ganz bewusst herbei.

Die Angst, etwas zu verlieren, hindert so manchen daran, sich mit aktuellen und sehr relevanten Fragestellungen und Lebensperspektiven auseinanderzusetzen; doch all denen sei gesagt, dass wir nichts verlieren, sondern nur noch dazugewinnen können, dass nichts vergeht, wir nichts aufgeben müssen, wir allerdings eine ganze Menge an neuen Erlebnissen und Sichtweisen erfahren werden. Und wer eine perfekte Lebensführung und absolute Sicherheit anstrebt, wird scheitern. Niemand ist perfekt. Wir können und sollten mit unserer Ambivalenz leben. Manche Perfektion lenkt vom Wesentlichen ab und hindert uns am Weiterkommen. Erst wenn wir für einige Bereiche unserer Lebensführung Entscheidungen treffen, Ziele definieren, haben wir, so paradox dies klingen mag, auch die Möglichkeit, Fehler zu machen, aus ihnen zu lernen und diese korrigieren zu können. Machen wir uns angreifbar und stehen wir dazu – das schafft ungeahnte Freiräume. Trauen wir uns einfach mal wieder mehr zu, haben wir mehr Mut, machen wir mal wieder etwas zum allerersten Mal, lassen mal die Langeweile beiseite und gehen wir unseren eigenen Weg – im besten Falle und am sichersten in der Gemeinschaft. Wie wollen wir HEUTE/morgen leben?

Wenn Wohnräume immer enger werden, diese kaum mehr für alle bezahlbar sind, wir diese zudem noch schnell verlieren können, bröckelt das selbstgezimmerte Schneckenhaus und verdrängt uns aus einer bereits wohlig eingerichteten Komfortzone, entzieht uns ein Stück innere Heimat. Wenn Tiny-Residences als trendy hochgejubelt werden, weil sie minimalistisch, energetisch sinnvoll, sparsam und günstig sind, müssen wir uns damit beschäftigen, ob wir solche Wohnmodule wirklich wollen. Wer auf engstem Raum lebt – denn zum Schlafen, Kochen, Waschen reichen durchaus 6 bis 7 Quadratmeter – und wer seine Arbeitszeit an einem anderen Ort verbringt, wird schnell damit konfrontiert, was sein wird, wenn selbst der Job zuhause erledigt werden kann oder wenn ein_e Lebenspartner*in in unser Leben tritt.

Viele, die sich mit Wohnmodulen beschäftigen, weisen darauf hin, dass es neben dem privaten Lebensraum und dem des Arbeitsplatzes auch einen weiteren, sogenannten „dritten Ort“ geben muss, an dem wir zusammenkommen, der uns als Treffpunkt für alle dient, ein Bereich, wo das soziale Leben stattfindet, wo Kontakte geknüpft und auf unterhaltsame Weise Freizeit gestaltet und gelebt werden kann – auch ohne dem Zwang des Konsumierens verpflichtet zu sein.

Solche dritten Orte sind mancherorts Bibliotheken, die zu Treffpunkten werden, als auch die klassischen Dorfplätze, wo sich alle Menschen unabhängig von Herkunft, sexueller Orientierung, Hautfarbe, religiöser oder politischer Überzeugung aufhalten können. Einen solchen Ort stellen in der Ausstellung der Galerie gleich die ersten beiden, miteinander verbundenen Areale dar. Hier gibt es Sitzmöglichkeiten, hier kann sich mit anderen verabredet werden, denn der Zutritt zur Ausstellung ist frei.

Ein sich zentral anschließendes Kabinett von sechs Quadratmetern beherbergt eine Installation von Repus Neman: Die „Tiny Residence“ ist kein Hightech-Wunder, kein Designwunder, bietet allerdings alles, was wir von einer solchen Behausung erwarten. Bezüge zu Zellen von Gefängnissen und Klöstern werden hergestellt, sollen irritieren, und ein Spiegel wird uns vorgehalten mit der Frage, wie wir eigentlich leben wollen.


RAUM CUMULUS & WERK/BESICHTIGUNG

Im hinteren Teil der Galerie findet sich die Area CUMULUS, in welcher zahlreiche Werke von 18 Künstler*innen „angehäuft“ präsentiert werden, die Augen und die Sinne reizen und so als Zeichen zahlreicher Möglichkeiten und Optionen gedeutet werden soll.

Für mehr Orientierung sorgen daher die WERK/Besichtigungen: Während des Ausstellungszeitraums werden immer wieder einzelne Werke aus dem Raum herausgelöst und an der SCHAUWAND in den Mittelpunkt gerückt. So wird, oftmals in Anwesenheit der Künstler*innen oder anderer Akteure, die Möglichkeit einer konzentrierten Beschäftigung mit nur einer Position geschaffen. Zu sehen sind in diesem Raum Werke von Bernd Arnold, Claudia Christoffel, Herwig Gillerke, Tanja Hehmann, Birte Hölscher, Christine Huizenga, Peter Klug, Ina und Markus Landt, Til Mette, Gabi Anna Müller, Piotr Rambowski, Volker Schwennen, Tuğba Şimşek, Stefanie von Schroeter sowie Milena Tsochkowa, Marie S. Ueltzen und Michael Weisser.

Einzelne Werke dieser Künstler*innen sind (auch nur mal zeitweise) an anderen Orten der Galerie zu sehen. Auch dies gehört zum Konzept der Ausstellung, denn anfängliche Entscheidungen, wo welches Werk zu hängen habe, könnten im Laufe der Zeit infrage gestellt und gegebenenfalls korrigiert werden. Wäre keine im Vorfeld am Tisch entwickelte Idee zur Hängung der Werke von immerhin 25 Künstler*innen getroffen worden, würde es womöglich Chaos, keine Dramaturgie und vielleicht auch keine Ausstellung geben. Dennoch wird von vornherein davon ausgegangen, dass sich im Laufe der Ausstellungszeit neue Perspektiven ergeben und diese zu neuen Entscheidungen führen können, die dann diskutiert oder gleich spontan umgesetzt werden und zu einer neuen Hängung führen können. Der Eindruck eines höheren Einsatzes sowie Mehraufwand während des Ausstellungsbetriebs kann (muss aber nicht) möglicherweise zu einem besseren Ergebnis führen.

Die WERK/BESICHTIGUNGEN unter Anwesenheit der Künstler*innen finden sich in unserem Kalender.



WEITERER GANG DURCH DIE AUSSTELLUNG

In Area 3 sehen wir die Videoarbeit IVO IV von Christine Schulz aus Berlin, die sich mit den größten Menschenaffen der Erde, den Gorillas, auseinandersetzt.

Dieser gegenüber finden sich zwei Hinterglasfrottagen von Jost Wischnewski, welche Abdrücke einer Arbeitsjacke zeigen, quasi als Schweißtuch eines Künstlers zu interpretieren sind. Eine Videoarbeit, die Jost Wischnewski zum Zeitpunkt der Ausstellungsplanung in Venedig erstellt und welche die Beschäftigung mit Vergangenheit und Gegenwart der Lagunenstadt zum Inhalt hat, ist in Area 7 zu sehen.

Ebenfalls in Area 3 ist ein Schaukasten von Peter Klug zu betrachten – mit dieser Arbeit setzt er sich mit der Umweltaktivistin Greta Thunberg auseinander. Außerdem befindet sich in diesem Raum der erste Teil einer Präsentation der Modedesignerin Anastasia Lotikova, die zeigt, wie inspirierend, transparent und nachhaltig aktuelle Modeproduktion sein kann. Auf den zweiten Teil treffen wir in Area 5, wenn wir am Cumulus vorbeigegangen sind.

Dort entdecken wir zunächst die Gummigrafien von Frauke Hänke und Claus Kienle; deren Werk beschäftigt sich mit der Verflechtung von Alltag und Exotik, eigenen Erfahrungen und Wünschen, geweckter Neugier und offenem Ende.

Dieser Arbeit gegenübergestellt ist die Fotoserie „Kompost“ von Ingo Rabe, einem visuellen Tagebuch, welches zugleich den Konsum, das Ritual der Nahrungsaufnahme und den Verlauf der Jahreszeiten dokumentiert.

In Area 6 sehen wir u.a. den Aufbau einer Videoinstallation von Birte Hölscher, welche manchen überraschen wird, wenn ein Film nicht gesehen werden darf. Die politisch motivierte Arbeit in Area 7 „Omas gegen Rechts“, ein Lichttransparent von Claudia Christoffel, provoziert mit dem rückwärtigen Slogan „Opas gegen Links“.

Mit dem Jutebanner „Ablassgrenze“ verweist Marie S. Ueltzen auf den sogenannten „Katastrophenschutz“, der immer dann auf den Plan tritt, wenn eine Katastrophe bereits passiert ist, ebenso darauf, dass für selbst verursachte Katastrophen kein Ablass mehr geleistet werden sollte.


Der Eintritt zur Ausstellung ist frei!

Wir würden uns jedoch darüber freuen, das Programmbuch mit allen Abbildungen und Texten zu den Werken und Künstler*innen am Eingang zu erwerben.

WERKE IN DER AUSSTELLUNG
Galerie Altes Rathaus

von

BERND ARNOLD | Köln

CLAUDIA CHRISTOFFEL | Bremen

HERWIG GILLERKE | Bremen

FRAUKE HÄNKE | Hamburg

TANJA HEHMANN | Hamburg

BIRTE HÖLSCHER | Worpswede

CHRISTINE HUIZENGA | Worpswede

CLAUS KIENLE | Hamburg

PETER KLUG | Worpswede

INA & MARKUS LANDT | Worpswede

ANASTASIA LOTIKOVA | Oldenburg

TIL METTE | Hamburg

GABI ANNA MÜLLER | Worpswede

REPUS NEMAN | 

INGO RABE | Berlin

PIOTR RAMBOWSKI | Bremen

CHRISTINE SCHULZ | Berlin

MARIE S. UELTZEN | Worpswede

STEFANIE VON SCHROETER | Berlin

VOLKER SCHWENNEN | Worpswede

TUGBA SIMSEK | Braunschweig

MILENA TSOCHKOVA | Bremen

MICHAEL WEISSER | Bremen

JOST WISCHNEWSKI | Düsseldorf, Worpswede