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Katharina Ritter

Künstlerische Leiterin Künstlerhäuser Worpswede

Katharina Riter

Beitrag aus dem Buch LEBE DEIN AENDERN, dem Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung


Ländliche Regionen bilden mit ihren Ressourcen eine Schlüsselrolle im rasanten Wandel der Lebensführung, auch hinsichtlich potentieller Verwirklichungschancen. Mit und neben den anderen Kulturträgern in Worpswede können gerade die Künstlerhäuser Worpswede die Identität der Region stärken, indem sie eine zukünftige Selbstbeschreibung fördern und mit den bereits gesammelten Erfahrungen eine neue Geschichte des Künstlerdorfes beginnen. Eine Geschichte, die lokal ist, aber das Regionale nicht als Grenze begreift.

Als neue künstlerische Leitung initiiere ich gemeinsam mit unterschiedlichen Partner*innen ein Modellprojekt für gemeinschaftliche Vielfalt. Mein kuratorischer Arbeitsansatz ist es, vielfältige Zusammenarbeit zu ermöglichen. Unterschiedliche Zugänge zur Welt miteinander zu verbinden fördert gegenwärtige Kunst und Kultur, wirkt nachhaltig in den Ort und die Region und wirft globale gesellschaftliche Fragen auf. Relevant sind hier Vielstimmigkeit, Wertschätzung und Teilhabe. Gegenwärtige Kunst und Kultur sind unabdingbar für die Zukunftsfähigkeit der Region. Künstlerische Praxis eröffnet neue Perspektiven und neue Strategien für alle Beteiligten. Entsprechend gesellschaftlicher Herausforderungen verändert der Verein ökonomische und soziale Strukturen und macht Teilhabe und Bildung für unterschiedlichste Menschen verschiedener Generationen zugänglich. Nur durch offene und verbindliche Allianzen lassen sich gesellschaftliche Strukturen verbessern. Nicht nur mit Akteuren spezifisch aus der Kultur, sondern gerade mit einer breiten Beteiligung der Öffentlichkeit.

Martin Kausche eröffnete 1971 den Komplex mit fünf Atelierwohnungen am Rande des Teufelsmoores. Die Künstlerhäuser Worpswede tragen die Erfahrung von fast 50 Jahren interdisziplinärer und internationaler Künstler*innenförderung in sich. Sie sind als Förderinstitution international etabliert und lokal fest verwurzelt. Ihre Kernaufgabe ist die Förderung künstlerischer Arbeit internationaler Künstler*innen. Hierzu gehören das Ermöglichen von Stipendien unterschiedlicher Sparten, von Projekten einzelner Künstler*innen und Künstler*innen-Gruppen sowie mit Hochschulen und Akademien; teils selbst initiiert, teils von den Künstlerhäusern konzipiert. Weiterhin gehört zu den Schwerpunkten auch Kunstvermittlung für alle Altersgruppen. Beispielsweise in Zusammenarbeit mit der Grundschule Worpswede und der Ruth und Helmut Middeldorf Stiftung – mit Künstler*innen und außerhalb von Schulen. Internationale und regionale Netzwerke werden aktiv gepflegt und stetig ausgebaut, derzeit unter anderem das Netzwerk der Künstlerhäuser in Norddeutschland. Die Künstlerhäuser forcieren Wissensaustausch, Beteiligung durch Praktika und praktische Projektteile für Master Studierende. Außerdem könnten Kooperationen mit der Hochschule für Künste Bremen stattfinden, nicht nur auf Studierende bezogen, sondern auch auf Dozent*innen und Gast-Professor*innen.

Die direkte Nähe zu Bremen, die Besonderheit der landschaftlich und kulturell reizvollen Region, die Geschichte Worpswedes als Künstlerdorf und die architektonisch präzise Form der fünf Ateliers, in der Verbindung zu Wohnraum, machen die Künstlerhäuser Worpswede zum perfekten Ort für den Austausch zwischen Künstler*innen. Durch längere Aufenthalte und Einbindung in das Netzwerk der Künstlerhäuser verankern Künstler*innen ihr aktuelles künstlerisches Arbeiten nachhaltig in der Region. Aus dem kulturellen Erbe des abstrakten Sehnsuchtsortes für Freiräume kann sich Worpswede zu einem Künstlerdorf und attraktivem Lebensort für viele Generationen entwickeln. Auf engstem Raum sind ungewöhnliche Landschaften und kulturelle Angebote vorzufinden wie die Worpsweder Museen, Galerien, das Haus Bertelsmann, die RAW Phototriennale, bemerkenswerte Denkmäler und Architekturen, ein reges Musikleben und Kunsthandwerk.

Die Künstlerhäuser Worpswede tragen einen weiteren Teil bei und beziehen unterschiedliche Kompetenzen in laufende Prozesse direkt mit ein, so dass neue Formen der Zusammenarbeit wachsen. Beispielsweise wird die notwendige Sanierung der Martin-Kausche-Ateliers mit der RWTH Aachen (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen) und lokalen Architekt*innen gemeinsam vorbereitet.

2019 / 2020 haben die Künstlerhäuser Worpswede die Hochschule der Bildenden Künste Saarbrücken (HBKsaar) eingeladen, gemeinsam an relevanten Fragen zu arbeiten: Wie wollen wir leben und arbeiten? Was passiert, wenn wir Ressourcen und Wissen nutzen? Das Projekt wird unterstützt vom Landschaftsverband Stade und HBKsaar. 12 interdisziplinäre Studierende tauchen ein Semester in den Kontext Worpswede ein, kunstwissenschaftlich und künstlerisch praktisch. Im November 2019 arbeitet die Gruppe vor Ort. Am Ende des Semesters 2020 kommen sie wieder zurück und zeigen, berichten und teilen; auch im Rahmen der RAW Phototriennale und als Rückläufer auch in der Galerie der HBKsaar (u.U. weitere Orte). Betreut wird das Projekt von Prof. Eric Lanz (Professor für Video und künstlerische Fotografie, HBKsaar), von Prof. Dr. Matthias Winzen (Lehrgebiet Kunstgeschichte und Kunsttheorie, HBKsaar) sowie mir als Künstlerische Leitung der Künstlerhäuser Worpswede.

Neben der Künstler*innenförderung über Projekte entwickeln die Künstlerhäuser auch die Förderung über Stipendien weiter. Mit der kontinuierlichen Vergabe von Aufenthaltsstipendien hat sich der Verein bereits weltweit einen Namen gemacht und gilt als die älteste und lange auch als größte Künstlerförderinstitution Deutschlands. Der 1965 gegründete gemeinnützig tätige Verein Künstlerhäuser Worpswede e.V. betreibt seit 1971 fünf Atelierwohnungen. Bis zur Neuausrichtung des Stipendienprogramms durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur im Jahr 2009 waren über 400 internationale Künstler*innen in Worpswede zu Gast.

Die Agentur Kulturexperten Dr. Scheytt GmbH in Essen erstellte 2018 eine Machbarkeitsstudie zur Zukunftsfähigkeit des Vereins und seiner Tätigkeit. Die Konsequenzen hieraus kommen jetzt zum Tragen. Neben weiteren Stipendien entwickeln wir derzeit neue Förderstrukturen wie das Familien-Stipendium, das Worpswede-Stipendium und das Vermittlungsstipendium. Das neue Förderkonzept STIPENDIUM PLUS (Arbeitstitel) sieht vor, Künstler*innen ein Wohn- und Arbeitsstipendium zu ermöglichen, kombiniert mit einem erweiterten Budget, womit sich die Stipendiat*innen zusätzliche Kooperationspartner*innen einladen können: So können sie kurzzeitig mit Gästen aus verschiedenen Feldern, auch außerhalb der Kunstwelt, wie Naturwissenschaft oder Neurobiologie, zusammenarbeiten. Die ursprüngliche Idee des Aufenthaltsstipendiums erhält damit einen neuen Impuls.

Die kurzzeitigen Aufenthalte der Stipendiat*innen (Bildende Kunst, Musik, Literatur) des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur werden fortgesetzt. Bereits früher durchgeführte Kurzzeitstipendien werden wieder aufgegriffen: Im Oktober 2019 arbeitet ein,e tschechische,r Autor*in vor Ort; in Kooperation mit dem virtuellen Literaturhaus Bremen, der globale e.V., dem Tschechischen Literaturzentrum (Sektion der Mährischen Landesbibliothek) und dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. 2020 begrüßen die Künstlerhäuser voraussichtlich wieder Stipendiat*innen der Sylt Foundation. Worpswede braucht allerdings eine Vision für die Zukunft und beispielsweise zahlbaren Wohn- und Arbeitsraum und eine bessere Infrastruktur.

Die Künstlerhäuser Worpswede fördern so gegenwärtige Kunst und Kultur, Worpswede und die Region. Die Künstlerhäuser sind ein Ort für gemeinschaftliche Begegnung und individuelle Konzentration. Für Ko-Kreation und Selbstwirksamkeit. Neben voller Konzentration am Rande des Teufelsmoores bieten die Künstlerhäuser Kontakte zu anderen lokalen und internationalen Künstler*innen, ein riesiges Netzwerk mit Kulturschaffenden, schnelles WLAN, eine kleine Druckwerkstatt „Die Künstlerpresse“ in der Ortsmitte Worpswedes und Beteiligung bei Veranstaltungen, beispielsweise in enger Zusammenarbeit mit dem Museumsverbund Worpswede. Unterstützt wird der gemeinnützige Verein vom Land Niedersachsen, der Gemeinde Worpswede, dem Landkreis Osterholz und weiteren Partner*innen, die spezifische Vorhaben und Projekte unterstützen. Weiterhin möchte der Verein in der nahen Umgebung Werkstattnutzungen für Stipendiat*innen ermöglichen.

Wir müssen an unterschiedlichen Punkten ansetzen, um Zieldimensionen einer nachhaltigen Land-Stadt-Beziehung aufzubauen. Die ambivalenten Beziehungen zur Technologie und Natur und zu Stadt und Land lässt viele irgendwo zwischen irgendwas Ungenauem suchen, und die eigene Verortung ist im Dauerladezustand ohne genaues Ziel. Wir entwickeln neue Ideen und bauen Allianzen auf. Wir brauchen eine Etablierung eines breiten Wohnangebotes, Ateliers und Aufenthaltsorte, Erweiterung personeller Ressourcen, Vernetzung, Stärkung und Professionalisierung von ehrenamtlichen Strukturen gemischt mit ausgebildetem Personal für die Kulturvermittlung und vieles mehr. Im Großen wie im Kleinen. Im Privaten wie im kulturpolitischen Kontext. Wir brauchen eine passgenaue Strategie, die sich nur in Wechselwirkungen entwickeln kann, zwischen und mit allen Akteuren und allem was uns umgibt, Landwirtschaft, Architektur, sozialen Strukturen und Prozessen. Katharina Ritter, *1982, Kuratorin, Dipl.-Künstlerin, M.A. Curatorial Studies; seit April 2019 Künstlerische Leitung Künstlerhäuser Worpswede, Juli 2017 - April 2019 Ausstellungsleitung Kunstverein Ulm, seit 2013 Lehrbeauftragte Curatorial Studies, Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBKsaar), Gründungsmitglied und Vorsitzende (bis 2015), Neuer Saarbrücker Kunstverein e.V.



Katharina Ritter, *1982, Kuratorin, Dipl.-Künstlerin, M.A. Curatorial Studies; seit April 2019 Künstlerische Leitung Künstlerhäuser Worpswede, Juli 2017 - April 2019 Ausstellungsleitung Kunstverein Ulm, seit 2013 Lehrbeauftragte Curatorial Studies, Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBKsaar), Gründungsmitglied und Vorsitzende (bis 2015), Neuer Saarbrücker Kunstverein e.V.

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