BHIMA GRIEM
BERLIN/BRANDENBURG – WORPSWEDE
30.01. - 28.02.21
ART/SPACE
KW/RANDLAGE


Wild und exzentrisch, mal subversiv und radikal, mal poetisch versponnen
Über die Ausstellung im Art/Space der Galerie KW/RANDLAGE

Von Volker Schwennen

Ein Raum, der einen grau gestrichenen Holzboden hat und an dessen Außenwand sich eine Glastür zur Terrasse und ein Fenster befinden, die normalerweise einen weitreichenden Blick in den Garten und die sich anschließenden Felder ermöglichen, verschwindet nun gänzlich in einem Meer von zahlreichen Papierarbeiten, die an allen Wänden, auch auf dem Boden und an der Decke, angebracht sind. Kein natürliches Licht dringt mehr in den Art/Space der Galerie KW/RANDLAGE: Willkommen in der Gedankenwelt des aus Berlin stammenden und inzwischen in Worpswede lebenden Künstlers Bhima Griem.

Wild und exzentrisch, mal subversiv und radikal, mal poetisch versponnen ist die Malerei, die meistens als serielle Produktion mit hoher Geschwindigkeit auf gefundenen Plakaten und Papieren oder Stoffen und Planen entstanden sind. Zeitungsartikel, Buchseiten oder auch einfach Dreck bilden Elemente spontaner Collagen, dazu hin und wieder Worte. Mit der Ausstellung im Art/Space der Galerie KW/RANDLAGE verführt Bhima Griem uns nicht nur in seine Gedankenwelt, sondern übertreibt mit seiner Performance von dutzenden Bildern an allen Raumflächen, die unweigerlich an die Bilderflut in den sozialen Medien denken lässt, wenngleich dieser Verweis nicht konzeptuell motiviert ist.

Diese in seinem Worpsweder Atelier entstandenen Arbeiten lassen den ursprünglichen Raum verschwinden, spielen mit Erwartungshaltungen von Besucher:innen, die angesichts der Ausstellungsdauer während des Lockdowns kaum vorhanden sein werden. Nur mit Vorsicht können diese über die durchsichtige Folie über die Werke auf dem Boden schreiten: Achtung Kunst! Seid vorsichtig nicht nur mit den Bildern, sondern vor allem mit der Befindlichkeit des Künstlers, mag man denken. Zwei Sitzgelegenheiten stehen bereit, um sich auf jedes einzelne Bild einlassen und zur Ruhe kommen zu können. Aus der womöglich anfänglichen Überforderung können nun neue berauschende Momente entstehen. Jedes einzelne Bild hat seine eigene Dynamik, manchmal sucht der Blick ein Pendant zu dem gerade gesehenen, bleibt wieder hängen an einem anderen. Stille und Hektik mögen sich abwechseln. Dann treten die „Worpsweder Bilder“ in den Hintergrund, denn an allen vier Wänden sind weitere Werke vorgelagert, die in seinem Berliner Atelier entstanden sind. Auch Skulpturen und Objekte sind noch verteilt und überfrachten den Raum geradezu.

Als subjektiv einzustufendes Hauptwerk der Berliner Produktion kann „Customer Zyklus“ gesehen werden, welches aus zusammengenähten Stoffen besteht, auf denen Fratzen mit durchstochenen Augen und Mündern, ein Totenkopf oder auch farbige Flächen gemalt sind. Ein aufwändig ordentlich geschmirgelter Holzrahmen mit Schattenfuge stellt einen herben Kontrast zu den Bildinhalten dar, scheint das Böse auffangen zu wollen, mag Halt geben oder sich bewusst dem Kunden anbiedern, der dieses Werk letztlich erwerben soll.

Sowohl hier als auch in vielen weiteren Arbeiten – insbesondere die Komposition der Rauminstallation im KW/R an sich – schwingt eine Kritik am Kunstmarkt mit, die zu oft auf Verknappung setzt, um das einzelne Werk zu hypen, dessen Marktwert zu steigern. Auf einer Papierarbeit steht „Gert kauft 1 für 500“ geschrieben, auf einem weiteren: „Lupo und Gert haben das Atelier gerettet. Immer noch kein Geld für neue Zähne“. Die eigene Kunstproduktion steht vor den profanen Dingen des Alltags: Zuerst das stets zu teure Atelier bezahlen als sich um die eigenen Zähne zu kümmern. Prioritäten müssen gesetzt werden, wenngleich die Realität des Künstlers Bhima Griem, der Vater zweier Töchter und sogar verheiratet ist, eine andere geworden ist.

Erst einmal hat er sich von der Großstadt Berlin verabschiedet, zunächst mit einem Atelier auf dem Land in Brandenburg, nun aber mit einem festen Wohnsitz in Worpswede. Nicht in Rollenspiele verfallen und dennoch eine Rolle spielen wollen und womöglich müssen.

Ein weiteres, ebenfalls gerahmtes Hauptwerk der Ausstellung im KW/R ist mit „Selbstportait als Politikerschwein“ betitelt und mag von der Größe her ein ehemaliges und übermaltes „Wahlplakat“ sein, an dessen oberer linken Seite nur noch die Spitze eines Kirchturms vom vorhandenen Motiv stehengeblieben ist, während nun ein wirrer, zerkratzter Kopf mit einem weißen und einem schwarzen Kullerauge, sowie der Rumpf eines Körpers ohne scharfe Konturen die Fläche dominiert. Zunächst könnte dieses Bild als ein politisch motivierter Versuch gesehen werden, den Willen eines Individuums, welches zur Macht strebt, zu thematisieren und dieses Verhalten einfach nur „Scheiße“ zu finden. Doch entblößt er dieses Streben nicht nur, sondern zeigt die innere Verwirrtheit eigener Gedanken, spiegelt womöglich das eigene Machtstreben, welches ihn sowohl ängstigt als auch antreiben mag.

Die Skulptur „Energy Star“ besteht aus einem alten HP-Drucker, der auf dreckigen weißen Mauersteinen an dünnen Stäben schräg aufstrebend befestigt ist. Zwischen den Steinen ist ein silbern eloxiertes MacBook eingeklemmt, unbrauchbar gemacht, wenngleich es noch funktionstüchtig wäre. Ein zweiteiliges Objekt zeigt zum einen Sand, Spinnenweben, eine Plastikflasche, ein aus einer Wand gerupftes, noch mit Schrauben und Dübeln versehenes Schild mit Zahlen sowie einen Aufkleber mit BarCode. Die andere Hälfte besteht aus sechs mit dem Schraubverschluss in etwas Erde gesteckten Plastikflaschen, deren Inhalt eine dunkle Flüssigkeit ist – angeblich der Urin des Künstlers. Hier zeigt sich unmittelbar, dass Bhima Griem der Nachwelt nicht nur zeigen möchte, was am Ende übrigbleiben könnte (Sand und Plastik), sondern dass er womöglich eigene identifizierbare Spuren (Urin) hinterlassen möchte.

Die Radikalität des noch jungen, doch vielfältigen Schaffens von Bhima Griem aber liegt nicht (nur) in einer oberflächlichen Kritik bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse und des Systems, wie auch immer und aus welcher Perspektive heraus dieses definiert werden mag, sondern ist vielmehr in der Darstellung eines eher zerbrechlich anmutenden Individuums zu finden, welches viele innere Kämpfe auszutragen hat, sich zwischen Wunsch und Wirklichkeit abarbeitet und in der Kunst einen eigenen Weg gefunden hat. Gedanken an all die Ungerechtigkeiten in der Welt überlagern sich und finden in der Geborgenheit des Ateliers eine neue Konzentration, ohne eine sofortige Lösung für all das, was vorgeht, finden zu wollen oder zu müssen. 

BHIMA GRIEM
BERLIN/BRANDENBURG – WORPSWEDE
30.01. - 28.02.21
ART/SPACE
KW/RANDLAGE


Expressive Sprints und mehr
Über die künstlerische Arbeit von Bhima Griem


von Raimar Stange

Schon auf dem ersten Blick besticht Bhima Griems Kunst durch ihre emotionale Vitalität und spannungsgeladene Dynamik. Bereist auf dem zweiten Blick aber entdeckt der Betrachter prompt das vermeintliche Gegenteil, nämlich die konzeptuellen und inhaltlichen Dimensionen dieser Arbeiten. Gegensätze auszugleichen ohne dass diese die ihnen innewohnenden, ambivalenten Qualitäten verlieren – genau dies ist eine künstlerische Leistung, die der junge, derzeit vor allem in Worpswede lebende Künstler in unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichen Medien quasi „reflektiert austobt“. Impulsive Malerei findet sich da in diesem noch jungen, aber schon ausuferndem Oeuvre ebenso wie Arbeiten auf Papier, z. B. auf Instagram „ausgestellte“ Fotos ebenso wie textile Artefakte, trashig anmutende Skulpturen ebenso wie architektonische Formulierungen. Gemeinsam ist all diesen Werken eine künstlerische Strategie, die in der zuweilen scheinbar fast „schlampigen“ Produktion auf die Qualität expressiver Sprints setzt und gleichzeitig vertraut auf so etwas wie eine vergleichsweise langsame intellektuelle Durchdringung.

Ein Beispiel dafür muss hier genügen, nämlich sein bemaltes, etwa Küchenhandtuch großes Textil „o. T.“, 2020, auf dem zunächst im „dreckigen“ Acryllila gehaltene, geschwind platzierte amorphe Flächen ins Auge fallen. Dazu kommen mit von ihm selbst hergestellter Kohle skizzierte Notate, ein kinderbuchartig gezeichnetes Schnabeltier etwa, unter dem „Snabel“ geschrieben steht, darunter ein „Stinkefinger“. Am linken Bildrand ist ein Fahne gehisst, auf der „ASSANGE“ geschrieben steht, „Julien“ direkt darüber. Der gleiche Vorname von einem der immer noch angesagten US-amerikanischen Malerstars und von einem von der USA seit Jahren gejagten Medienaktivisten fungiert hier als Initialzündung für das Nachdenken über die Spannung von Kunst und Politik. Diese so sinnliche wie inhaltliche Arbeit ist übrigens ab Ende März in der Ausstellung „Demokratie heute – Probleme der Repräsentation“ im renommierten Berliner KINDL Zentrum für zeitgenössische Kunst zu sehen.

In Griems Ausstellung im KW/Randlage stehen politische, ja philosophische Themen im Mittelpunkt, denn prekäre Aspekte wie „Arbeitet der Mensch für und in der Zukunft?“, „Wie verarbeitet und arbeitet der Mensch?“ und „Gibt es überhaupt eine Gegenwart?“ werden hier von ihm künstlerisch verhandelt. Diese nicht zuletzt selbstreflexive Auseinandersetzung spiegelt sich in der Ausstellung ausgewählten Arbeiten Künstlers, die seinen Ortswechsel von Berlin nach Worpswede und die damit einhergehenden Veränderungen seiner Lebens- und Arbeitsbedingungen formal und inhaltlich reflektieren. Dazu zeigt der Künstler in der KW/Randlage vor allem Papierarbeiten aus Worpswede als ersten Layer gleichsam im Hintergrund. Darauf nämlich sind dann etwas ältere Arbeiten aus Berlin-Brandenburg als zweite Schicht im Vordergrund präsentiert. Die angeblichen Gegensätze von persönlicher Geschichte und Gegenwart durchdringen sich in diesen Präsentationen konzeptionell und werfen dabei klug Fragen auf nach der Zukunft des Künstlers. 

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