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RAIMAR STANGE

Kunstkritiker, Publizist
Berlin

Raimar Stange

Zum Ändern

Vier kurze Fragmente zu „Ändern“ im Kontext von „Kunst“

von Raimar Stange
für das Buch LEBE DEIN AENDERN, dem Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung


I.

Das Gegenteil von Ändern, so könnte man vielleicht sagen, ist eine fest fixierte Statik. Oder, wohl überraschender,: Identität, das wortwörtlich immer gleiche „desselben“. Beide, Statik und Identität, erfordern so etwas wie Abgeschlossenheit und, damit verbunden, Endlichkeit. Und das Gegenteil davon wiederum kann man als Offenheit und Prozess bezeichnen. Womit wir dann (endlich) bei der Bildenden Kunst angekommen wären, genauer: z. B. bei den „offenen Kunstwerken“ der Marke Umberto Eco.

Anfang der 1960er Jahre, also nicht zufällig im Kontext der sich entwickelnden „Prozesskunst“, veröffentlichte Eco sein wichtiges Buch „Das offene Kunstwerk“, in dem er eine Ästhetik beschrieb und analysierte, die nicht fertige und abgeschlossene Kunstwerke in ihren Fokus rückt, sondern solche, die die aktive Mitarbeit der nun nicht mehr passiven Rezipienten ermöglichen, ja erfordern.

Eco beschrieb es folgendermaßen: „Die Poetik eines „offenen“ Kunstwerks strebt … danach, im Interpreten „Akte bewusster Freiheit“ hervorzurufen, ihn zum aktiven Zentrum eines Netzwerkes von unausschöpfbaren Beziehungen zu machen, unter denen er seine Form herstellt, ohne von einer Notwendigkeit bestimmt zu sein, die ihm die definierten Modi der Organisation des interpretierten Kunstwerks vorschriebe“.

Das freie Ändern des Kunstwerkes in einer multiplen Autorenschaft also wird hier zu einem Programm, dass sich explizit gegen das „mono-auktoriale“ Produzieren von genial-vollendeten Meisterwerken richtet, stattdessen z. B. so etwas wie, postmodern formuliert, „Interaktivität“ ins künstlerische Spiel bringt.

II.

Darf die Kunst ändern wollen? Solch ein Wollen scheint dem Autonomieanspruch, den die moderne Kunst ja so gerne vor sich herträgt, zu widersprechen. Immer noch frei nach Immanuel Kants Begriff des „interesselosen Wohlgefallens“ soll die Kunst nämlich frei von jedwedem Zweck sein – um gerade dadurch dann den Menschen zu einem edleren, nicht nur nach schnödem Ertrag und Gewinn strebenden Wesen zu verändern.

Dem steht spätestens seit der Avantgardekunst Anfang des 20. Jahrhunderts, die längst schon von einer Autonomie von kirchlichen und höfischen Ansprüchen profitieren konnte, ein engagierter Kunstbegriff entgegen, der dezidiert sich politisch und wollend versteht, der sich als gesellschaftlich nützlich - man denke nur an das Bauhaus und Joseph Beuys - begreift und dennoch sich frei von jedweden Ansprüchen von Außen realisiert. Gut so!

III.

Herr Keuner, so Bertolt Brecht, „erbleichte“ bekanntlich, als ihm jemand sagte, er „habe sich gar nicht verändert“ .

Sich nicht zu verändern, sich identisch, ja „treu“ zu bleiben, dieses verlangt die (bürgerliche) Idee von Identität, tatsächlich aber ist die Subjektivität im Gegenteil davon geprägt, dass diverse Optionen in ihr schlummern und dass sich „Identität“ entsprechend immer wieder ändern kann, die US-amerikanische Künstlerin Cindy Sherman etwa führt es in ihrem (postmodernen) Oeuvre überzeugend vor.

Die Spannungen vom statischen und beweglichen Ich nun ist wohl kaum einem künstlerischen Medium eingeschrieben wie der Photographie. So schreibt Roland Barthes in „Die helle Kammer“ (1980): „Unbeweglich fließt die Photographie von der Darstellung zurück zur Bewahrung“.

Nicht nur aber bewahrt die Photographie und stellt so, im wahrsten Sinne des Wortes, fest, sie stellt zudem das Ich nur im „Innehalten“ der „Pose“ dar, also als im sich „Umwandeln zum Bild“ , das (gesellschafts)spielerisch Konstruiertes konservativ bewahrt. Das Resultat dieser Operation benennt Roland Barthes dann treffend: „Mein Ich ist es, das nie mit seinem Bild übereinstimmt“. Und er fügt kurz darauf hinzu: „Denn die Photographie ist das Auftreten meiner selbst als eines anderen, eine durchtriebene Dissoziation des Bewusstseins von Identität“.

IV.

Sein Ändern leben würde im besten Fall auf die Emanzipation von gesellschaftlichen Entfremdungen, Zwängen und Rollen hinauslaufen. Das ist ein hoher Anspruch, in diesem Sinne schrieb schon der französische Philosoph Ernesto Laclau in seinem Buch „Emanzipation und Differenz“ (1996): „Wahre Emanzipation erfordert einen wirklichen ‚anderen‘ das heißt einen ‚anderen‘, der auf keine Figur des ‚selben‘ reduziert werden kann. Aber in diesem Fall kann es zwischen der zu emanzipierenden Identität und dem ihr entgegenstehenden ‚anderen‘ keine positive Objektivität geben, die beiden Polen der Dichotomie unterliegen und sie konstituieren würden“. Einfacher und ein wenig verkürzt formuliert: Eine radikale Differenz ist hier gefordert. Auf gehts!




Kurzbio Raimar Stange

Raimar Stange studierte an der Universität Hannover Philosophie, Germanistik und an der Musikhochschule Hannover Journalistik. Er publiziert regelmäßig in Magazinen wie ArtReview, London; Camera Austria, Graz; Artist, Bremen und artmagazinecc, web und Brand-New-Life, web. Aktuelle Buchpublikation: Haltung als Handlung – das Zentrum für Politische Schönheit, München 2018. Stange kuratiert derzeit Ausstellungen zu politischen Themen wie Klimawandel, Feminismus und Rechtspopulismus. 

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LEBE DEIN AENDERN


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