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BEATE ARNOLD

Kunsthistorikerin,
Wissenschaftliche Leiterin/ Vorstand Barkenhoff-Stiftung

Beate Arnold

Beate C. Arnold (* 1966 in Minden/Westf.) studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Romanistik an den Universitäten in Kiel und Bonn. Sie arbeitete in verschiedenen Unternehmen (Werbeagentur, Firma für Medienanalyse) und war freiberuflich für ein mehrjähriges Kunstprojekt der Bundes-republik Deutschland in Bonner und Berliner Ministerien und Ressorts tätig. Bis Ende 2000 war sie im Pädagogischen Austauschdienst der Kultusministerkonferenz der Länder mit internationalen Bildungsprojekten der EU betraut.

Seit Januar 2001 ist Beate C. Arnold Wissenschaftliche Leiterin der Barkenhoff-Stiftung Worpswede. In dieser Funktion zeichnet sie für die Sanierung des Barkenhoff und die dortige Einrichtung des Heinrich-Vogeler-Museums 2003/2004 sowie für die Erweiterung des Museums und Wiederherstellung des Barkenhoff-Gartens im Rahmen des „Masterplan Worpswede“ 2011-2015 inhaltlich verantwortlich. Sie hat die Sammlungspräsentation konzipiert und realisiert Sonderausstellungen im Barkenhoff, die unter anderem das Werk Vogelers neu beleuchten und zeitgenössische Akzente setzen. Zu ihrem Aufgabenbereich gehört des Weiteren die Betreuung des stiftungseigenen Worpsweder Archivs.

Heinrich Vogeler, Die Geburt des Neuen Menschen

Heinrich Vogeler, Die Geburt des Neuen Menschen, 1923, Öl auf Holz, 120 x 80 cm, Privatbesitz / Dauerleihgabe an die Barkenhoff-Stiftung Worpswede,
Foto: © Barkenhoff-Stiftung Worpswede

Beitrag aus dem Buch LEBE DEIN AENDERN


Bauernkate, Künstlerwohnhaus, Arbeitsschule, Kinderheim, Stipendiatenstätte, Ausstellungsort – der Barkenhoff fasziniert bis heute durch seine wechselvolle Geschichte. Er ist einer der geschichtsträchtigsten Schauplätze in Worpswede. Von Heinrich Vogeler, einem Mitbegründer der Künstlerkolonie, seit 1895 als Wohn- und Atelierhaus aufgebaut und künstlerisch ausgestaltet, avanciert das Anwesen um 1900 zunächst zu einem wichtigen Treffpunkt der kulturellen Avantgarde in Deutschland, der zahlreiche prominente Schriftsteller, Lyriker, Verleger, Musiker und bildende Künstler anzieht. Als Jugendstilkünstler par excellence ist Vogeler überaus erfolgreich und prägt das kulturelle Leben Worpswedes maßgeblich mit.

Der Erste Weltkrieg stellt die entscheidende Zäsur in Leben und Werk Vogelers dar. Seine Meldung als Kriegsfreiwilliger ermöglicht ihm die Flucht aus einer Phase persönlicher und künstlerischer Orientierungslosigkeit – das Engagement für den Krieg scheint die Chance eines Neuanfangs in sich zu bergen. Doch Vogeler erkennt schnell die Perspektivlosigkeit des grausamen, ungerechten Kriegsgeschehens und wendet sich konsequent von der bestehenden Herrschafts- und Gesellschaftsordnung ab. Im Januar 1918 verfasst er einen Protestbrief und Friedensappell an den Deutschen Kaiser Wilhelm II, wird daraufhin aus dem Militär entlassen und in Bremen in eine Irrenanstalt eingewiesen. Im April 1918 kehrt er als überzeugter Pazifist und Kommunist auf den Barkenhoff zurück.

Der Barkenhoff hat sich inzwischen völlig verändert. In den letzten Kriegsmonaten ist er zum Treffpunkt politisch Interessierter geworden, die um die revolutionäre Neuorientierung Vogelers wissen. Kriegsgefangene, Revolutionäre, linke Intellektuelle und Künstler finden sich ein. Vogeler verfolgt die Propagierung seiner kommunistisch-sozialistischen Utopien einer klassenlosen Gesellschaft. Diese soll auf dem urchristlichen Wert der Nächstenliebe beruhen und von dem „neuen Menschen“ – frei von Macht- und Besitzgier – getragen werden.

Ab 1919 baut Vogeler eine landwirtschaftlich-handwerkliche Arbeitsgemeinschaft und Arbeitsschule auf, eine „kommunistische Insel im kapitalistischen Staat“ (Siedlungswesen und Arbeitsschule, 1919) – der Barkenhoff soll als Prototyp für eine neue, gewaltfreie Gesellschaft stehen. Erklärtes Ziel ist die Selbstversorgung. Als bildender Künstler im Sinne der l’art pour l’art tritt er zu dieser Zeit in den Hintergrund, stellt sein Schaffen vielmehr in den Dienst der revolutionären Sache. Er entwirft Plakate und Titelblätter politischer Schriften und Bücher und verfasst pazifistische Broschüren. Damit nimmt Vogeler zu Beginn der 1920er Jahre in der Worpsweder Künstlergemeinschaft eine Sonderstellung ein, die von einigen Kollegen äußerst kritisch bewertet und angefeindet wird.

Wirtschaftliche und ideologische Gründe führen 1923 schließlich zur Auflösung der Barkenhoff-Gemeinschaft, Vogeler reist erstmalig in die Sowjetunion. „Die Geburt des Neuen Menschen“ ist eines der ersten Bilder, das dort entsteht: Es soll „[…] das Werden einer neuen Welt verkünden“, der er „von nun an restlos gehörte: der Welt des Kommunismus.“ (Sonja Marchlewska, Erinnerungen an Heinrich Vogeler)

Kein Worpsweder Künstlerkollege hat seinen Gestaltungswillen so drastisch und konsequent einer (politischen) Überzeugung unterstellt wie Heinrich Vogeler, dessen Kunstbegriff eng mit seinen gesellschaftlich-sozialen Anschauungen verknüpft war – er ist ein faszinierender Solitär der Worpsweder Kunst- und Kulturgeschichte und weit darüber hinaus. Sind seine Haltung und sein Werk auch heute noch für uns relevant?

Heinrich Vogeler, Frühlingsabend

Heinrich Vogeler, Frühlingsabend, 1901, Öl auf Leinwand, 72 x 54,5 cm, Privatbesitz / Dauerleihgabe an die Barkenhoff-Stiftung Worpswede,
Foto: © Barkenhoff-Stiftung Worpswede


Der am 15.10.19 geplante ABEND:TALK #07 mit Beate Arnold wurde zugunsten einer anderen Veranstaltung zum Thema "Mythos ohne Moderne?" in der Böttjerschen Scheune verschoben und wird 2020 im Barkenhoff nachgeholt.

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LEBE DEIN AENDERN


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