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LEBE DEIN AENDERN

RANDLAGE ARTFESTIVAL
21.09. - 20.10.2019

TEILNEHMER*INNEN

Jost Wischnewski

Schon immer lebte Jost Wischnewski sein Ändern, persönlich als auch in seinem künstlerischen Schaffen – und dies sehr bewusst und bezogen auf die jeweiligen äußeren Einflüsse, die auf ihn einwirkten. Nie wisse er vorher, wohin ihn der Strom des Lebens spüle, wohin seine Sehnsucht nach Neuem ihn leite oder was ihn real erwarten werde, sagt er. So kam er vor einigen Jahren nach Worpswede, um an diesem Ort zu leben und zu arbeiten, wenngleich es ihn immer wieder hinaustreibt in die Welt: mal nach Venedig – stets aber in die Toskana in Italien, wo er einen ständigen weiteren Rückzugsort besitzt.

Die beiden Hinterglasfrottagen „Schweißtuch / LIDO 1 / LIDO 2“ schuf Jost Wischnewski eigens für die Ausstellung LEBE DEIN AENDERN quasi als Vorgriff auf einen mehrmonatigen Arbeitsaufenthalt in Venedig. Dort wird er die Lagunenstadt auf unterschiedliche Weise experimentell erforschen, das Gestern und Heute auf sehr eigene Art interpretieren, bildhauerisch-malerische Formfindungsexperimente wagen, verschiedene Materialuntersuchungen durchführen, als auch analoge und digitale Medien miteinander verweben. So spürt er der Veränderung nach, schärft seine eigene Wahrnehmung von Venedig im Kontext ihrer industriellen Umgebung und transformiert diese in subjektive Formate.


Das Produktionsgebiet von Marghera wird hierbei ein wichtiger Anlaufpunkt sein. Entstehen sollen Film- und Fotoaufnahmen, die später mit Bildmaterialien aus dem zentralen Venedig und vom Lido überlagert werden. Insbesondere konzentriert er sich bei diesem Prozess darauf, Venedig als historischen Produktions- und Handelsplatz mit der gegenwärtigen Situation als Wirtschafts-, Industrie- und Kulturstandort verschmelzen zu lassen. „Ich stehe mittendrin - als Seismograph“, sagt er und so sind seine Werke gleichermaßen Portraits der Stadt (Schweißtücher) als auch Selbstportraits.


Die ausgestellten Arbeiten zeigen jeweils die Abdrücke einer Jacke, die mit goldener Farbe auf die Rückseite einer Glasscheibe gedrückt wurden, mit einem schwarzen auf dem einen und hellblauen Hintergrund auf dem anderen Werk.


Bereits die Titel geben eindeutige Hinweise darauf, dass die Werke durch ihre geografische Verortung mit der stark religiös katholisch geprägten Stadt Venedig in starker Beziehung stehen. Des Weiteren sind sie assoziativ mit dem „Schweißtuch der Veronika“ verbunden, also jenem Gegenstand christlicher Überlieferung, demzufolge die später heilig gesprochene Veronika dem Gottessohn, der sich auf dem Weg nach Golgatha befand, ein Tuch reichte, um ihm den Schweiß und das Blut aus seinem Gesicht zu wischen. Das Gesicht Jesu soll sich daraufhin auf wundersame Weise auf dem Schweißtuch abgebildet haben. Heute ist es zu einem Objekt der Anbetung für Gläubige geworden, zu einer bedeutenden Reliquie, verborgen und wohl gehütet in einem Tresor im Petersdom in Rom, die nur noch einmal im Jahr zur Verehrung hervorgeholt wird. Ein durch Plagiat entstandenes „Veronikatuch“ wurde über lange Zeit als das echte Schweißtuch angesehen und ist gleichzeitig in der Wiener Hofburg zu sehen – von vielen Gläubigen dennoch verehrt, obwohl es nur eine Kopie ist. Vielleicht gibt es von Wischnewski daher auch zwei Werke.


Neben einer möglicherweise kritischen Haltung gegenüber religiöser Verehrung drängt sich ebenfalls die Idee auf, dass es sich bei den Abbildungen auch um eine Arbeitsjacke des Künstlers handeln könnte, die vom Blut und Schweiß seiner Arbeit kündet und somit durchaus an die geradezu götzenhafte Verehrung einzelner Künstler erinnert, die vom undurchsichtigen Kunstmarkt unerbittlich vorangetrieben werden.


Vor dem Hintergrund der aktuell laufenden Biennale von Venedig und einer zu beobachtenden zunehmenden Dekadenz einer etablierten elitären Klientel der Kunstwelt, die einen anscheinend bevorstehenden Weltuntergang in Selbstzufriedenheit zu zelebrieren scheint, bekommen die Werke eine besondere Dimension. Der „Schweiß“ des Künstlers wird kaum wahrgenommen, vielmehr sehen wir – auch darauf nimmt der Titel Bezug – das mondäne und von Luxus geprägte Seebad Lido de Venezia, wo sich die Schönen und Reichen der Stadt tummeln. So könnte die Verwendung einer Glasscheibe als Ausdruck einer zerbrechlichen Welt angesehen werden.


Während ein Hintergrund schwarz gehalten ist und wie eine, das Objekt geradezu absorbierende dunkle Materie wirkt, könnte die Farbe sowohl auf die Nacht als auch den Untergrund, die Tiefe des Lebens, deren Schattenseiten oder die Versuchungen des Nachtlebens hinweisen. Mit dem hellblauen Hintergrund verhält es sich umgekehrt, zeigt den Himmel, den Tag, die womöglich erhellenden Seiten des Lebens oder aber auch wahre Momente der Realität.


Es gibt drei Bildebenen: die des Hintergrunds, die des Abdrucks hinter der Scheibe und auf der dritten Ebene die Oberfläche des Glases, welche durch das hereinfallende Licht die Spiegelung des Betrachters provoziert und diesem bewusst die Möglichkeit eröffnet, sich selbst im Bild zu entdecken.


Text: Volker Schwennen