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JOST WISCHNEWSKI

Bildhauer, Installations- und Medienkünstler
Düsseldorf, Toskana, Worpswede

Jost Wischnewski

Venezianische Zwischentöne

WARTEZEITEN

Jost Wischnewski, 2019, Video, entstanden in Venedig

Schon immer lebte Jost Wischnewski sein Ändern, persönlich als auch in seinem künstlerischen Schaffen – und dies sehr bewusst und bezogen auf die jeweiligen äußeren Einflüsse, die auf ihn einwirkten. Nie wisse er vorher, wohin ihn der Strom des Lebens spüle, wohin seine Sehnsucht nach Neuem ihn leite oder was ihn real erwarten werde, sagt er. So kam er vor einigen Jahren nach Worpswede, um an diesem Ort zu leben und zu arbeiten, wenngleich es ihn immer wieder hinaustreibt in die Welt: mal nach Venedig – stets aber in die Toskana in Italien, wo er einen ständigen weiteren Rückzugsort besitzt.

Schweißtuch / LIDO 1 / LIDO 2, Hinterglasfrottage von Jost Wischnewski

Die beiden Hinterglasfrottagen „Schweißtuch / LIDO 1 / LIDO 2“ schuf Jost Wischnewski eigens für die Ausstellung LEBE DEIN AENDERN quasi als Vorgriff auf einen mehrmonatigen Arbeitsaufenthalt in Venedig. Dort wird er die Lagunenstadt auf unterschiedliche Weise experimentell erforschen, das Gestern und Heute auf sehr eigene Art interpretieren, bildhauerisch-malerische Formfindungsexperimente wagen, verschiedene Materialuntersuchungen durchführen, als auch analoge und digitale Medien miteinander verweben. So spürt er der Veränderung nach, schärft seine eigene Wahrnehmung von Venedig im Kontext ihrer industriellen Umgebung und transformiert diese in subjektive Formate.

Das Produktionsgebiet von Marghera wird hierbei ein wichtiger Anlaufpunkt sein. Entstehen sollen Film- und Fotoaufnahmen, die später mit Bildmaterialien aus dem zentralen Venedig und vom Lido überlagert werden. Insbesondere konzentriert er sich bei diesem Prozess darauf, Venedig als historischen Produktions- und Handelsplatz mit der gegenwärtigen Situation als Wirtschafts-, Industrie- und Kulturstandort verschmelzen zu lassen. „Ich stehe mittendrin - als Seismograph“, sagt er und so sind seine Werke gleichermaßen Portraits der Stadt (Schweißtücher) als auch Selbstportraits.

Die ausgestellten Arbeiten zeigen jeweils die Abdrücke einer Jacke, die mit goldener Farbe auf die Rückseite einer Glasscheibe gedrückt wurden, mit einem schwarzen auf dem einen und hellblauen Hintergrund auf dem anderen Werk.

Bereits die Titel geben eindeutige Hinweise darauf, dass die Werke durch ihre geografische Verortung mit der stark religiös katholisch geprägten Stadt Venedig in starker Beziehung stehen. Des Weiteren sind sie assoziativ mit dem „Schweißtuch der Veronika“ verbunden, also jenem Gegenstand christlicher Überlieferung, demzufolge die später heilig gesprochene Veronika dem Gottessohn, der sich auf dem Weg nach Golgatha befand, ein Tuch reichte, um ihm den Schweiß und das Blut aus seinem Gesicht zu wischen. Das Gesicht Jesu soll sich daraufhin auf wundersame Weise auf dem Schweißtuch abgebildet haben. Heute ist es zu einem Objekt der Anbetung für Gläubige geworden, zu einer bedeutenden Reliquie, verborgen und wohl gehütet in einem Tresor im Petersdom in Rom, die nur noch einmal im Jahr zur Verehrung hervorgeholt wird. Ein durch Plagiat entstandenes „Veronikatuch“ wurde über lange Zeit als das echte Schweißtuch angesehen und ist gleichzeitig in der Wiener Hofburg zu sehen – von vielen Gläubigen dennoch verehrt, obwohl es nur eine Kopie ist. Vielleicht gibt es von Wischnewski daher auch zwei Werke.

Neben einer möglicherweise kritischen Haltung gegenüber religiöser Verehrung drängt sich ebenfalls die Idee auf, dass es sich bei den Abbildungen auch um eine Arbeitsjacke des Künstlers handeln könnte, die vom Blut und Schweiß seiner Arbeit kündet und somit durchaus an die geradezu götzenhafte Verehrung einzelner Künstler erinnert, die vom undurchsichtigen Kunstmarkt unerbittlich vorangetrieben werden.

Vor dem Hintergrund der aktuell laufenden Biennale von Venedig und einer zu beobachtenden zunehmenden Dekadenz einer etablierten elitären Klientel der Kunstwelt, die einen anscheinend bevorstehenden Weltuntergang in Selbstzufriedenheit zu zelebrieren scheint, bekommen die Werke eine besondere Dimension. Der „Schweiß“ des Künstlers wird kaum wahrgenommen, vielmehr sehen wir – auch darauf nimmt der Titel Bezug – das mondäne und von Luxus geprägte Seebad Lido de Venezia, wo sich die Schönen und Reichen der Stadt tummeln. So könnte die Verwendung einer Glasscheibe als Ausdruck einer zerbrechlichen Welt angesehen werden.

Während ein Hintergrund schwarz gehalten ist und wie eine, das Objekt geradezu absorbierende dunkle Materie wirkt, könnte die Farbe sowohl auf die Nacht als auch den Untergrund, die Tiefe des Lebens, deren Schattenseiten oder die Versuchungen des Nachtlebens hinweisen. Mit dem hellblauen Hintergrund verhält es sich umgekehrt, zeigt den Himmel, den Tag, die womöglich erhellenden Seiten des Lebens oder aber auch wahre Momente der Realität.

Es gibt drei Bildebenen: die des Hintergrunds, die des Abdrucks hinter der Scheibe und auf der dritten Ebene die Oberfläche des Glases, welche durch das hereinfallende Licht die Spiegelung des Betrachters provoziert und diesem bewusst die Möglichkeit eröffnet, sich selbst im Bild zu entdecken.

Text: Volker Schwennen

Jost Wischnewski

Jost Wischnewski (* 28. Juni 1962) ist ein deutscher Bildhauer, Installations- und Medienkünstler. Er lebt in Worpswede und arbeitet u.a. in Düsseldorf und der Toskana.



Wirken


Wischnewski studierte Fotografie und Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf und war Meisterschüler bei Klaus Rinke. Nach anfänglicher Arbeit mit Großskulpturen, die in Anlehnung an Robert Smithson auf den urbanen Raum reagieren, setzt sich Wischnewski in letzter Zeit verstärkt auseinander mit öffentlichen Zeichensystemen (Verkehrssignalen, Schildern, Markierungen, Straßenbemalungen), die er dokumentiert, systematisch ordnet und umsetzt in Video- und Fotoarbeiten sowie in raumgreifenden Installationen und Skulpturen im öffentlichen Raum (Projekt Hyperstätten, 2004, unter anderem in Düsseldorf, Köln, Berlin, Hamburg, Dresden, Rom, Paris).


Von 1997 bis 2008 organisierte er gemeinsam mit dem Kurator Karl Heinz Rummeny im historischen Park des Düsseldorfer Künstlervereins Malkasten den freien Ausstellungsraum Parkhaus: 1997–2008 insgesamt 75 Projekte mit regionalen und internationalen Künstlern und Kuratoren, u. a. mit Joseph Beuys, Katharina Fritsch, Gilbert & George, Bruno Corà, Sylvie Fleury.[1]



Einzelausstellungen und Projekte (Auswahl)


    2019 ABBAU II, Emsland Moormuseum, Geeste

    2018 Kahlschlag, Künstlerhäuser Worpswede

    2018 TAGEWERK, Ev.-Luth. Nordkirche, Kiel

    2017 Abbau, Overbeck Museum, Bremen

    2016 Transportlandschaften, Bräuning Contemporary, Hamburg

    2015 A & O, Bräuning Contemporary, Hamburg

    2008 Direzioni, Incontri Internazionali d' Arte Roma

    2008 Panische Städte, kjubh, Köln

    2008 All Over, Galerie Kolb, Karlsruhe

    2008 Zeitfragmente, Rheinkultur Düsseldorf

    2006 Peripher, Gloria Halle Düsseldorf

    2005 P2 Motorenhalle, Dresden

    2004 HH-Teststrecke, Barkenhoff, Worpswede

    2003 Turf, Finanzforum der SSK Düsseldorf

    1999 Führring, Galerie Perron 1, Delden

    1998 Thalfahrt, Museum Neanderthal, Mettmann

    1996 Zum Wesen jap. Architektur, Oxy Galerie Osaka, Japan

    1996 Quickstep, Galerie SKC, Belgrad

    1994 Concrete Bow, LOS 2, Rheinufertunnel Düsseldorf

    1993 Un campo operativo, Palazzo dei Priori, Perugia

    1993 Squilibrio, Museo delle Mura Aureliane, Rom


Gruppenausstellungen (Auswahl)


    2019 Zeit & Raum, Bräuning Contemporary, Hamburg

    2018 DIE GROSSE, Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf

    2018 Back in the Days, Galerie Sander|Sohn, Düsseldorf

    2018 PLAKATIV V, Galleria Interzone, Rom

    2017 20 Jahre PARKHAUS, PARKHAUS im Malkastenpark, Düsseldorf

    2017 AUTO/MACHT/MOBILITÄT, Mobilitäts-Museum/P.S. Speicher, Einbeck

    2017 5, 5 Jahre Bräuning Contemporary, Hamburg

    2017 HEIMAT, Projektraum Deutscher Künstlerbund, Berlin

    2016 Asphalt, RAW Photofestival, Worpsweder Tor

    2015 INPUT / OUTPUT II, Große Kunstschau, Worpswede

    2014 Nam June Paik/Rheinland, my Artistic Heimat, Digitalarchiv, MMCA Seoul, Korea

    2014 Another Place/Another Space/Together, Leeschenhof, Quadriennale Düsseldorf

    2014 Sammeln im Norden, Kunsthalle Wilhelmshaven

    2013 Portfoliowalk, Fotokunst Bremen

    2013 MOMENTAUFNAHME, Worpsweder Museen

    2013 Kunst u. Filmbiennale, 53°35'40''N / 8°8'36''O, Worpsweder Kunsthalle

    2012 Memory Cash, Ausst. u. Versteigerung, Venus & Apoll / Julia Stoschek Foundation

    2012 PMB Preisausstellung, Große Kunstschau, Worpswede

    2012 Faszinierende Dokumente, Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf

    2012 Learning from Rotterdam, Kunsthalle Wilhelmshaven

    2011 Fascinating Documents, Moscow House of Photography

    2011 Memory Cash, Stellwerk im Kulturbahnhof, Kassel

    2011 "Paik `n' Paik", museum kunst palast, Düsseldorf

    2010 ZIEL: WHV, [[Kunsthalle Wilhelmshaven

    2009 Deutschlandscreening, Vigna San Martino, Fondazione Morra, Napoli

    2008 Parkhaus, Kunsthalle Düsseldorf]]

    2008 Clinch/Cross/Cut, Team 404 & John Armleder / New Jerseyy, Basel

    2008 Zerbrechliche Schönheit, museum kunst palast, Düsseldorf

    2008 Fotos schreiben Kunstgeschichte, museum kunst palast, Düsseldorf

    2007 Städtische Bühne, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf

    2006 Lovely Shanghai Music, Team 404, Zendai Museum of Modern Art, Shanghai

    2006 Body in Blue, Electron, Brera, Niederlande

    2006 Capribatterie, Fondazione Morra, Napoli

    2005 Bergischer Preis, Museum Baden, Solingen

    2005 Notte Bianca, Inride, Perugia

    2003 Overdrive I, Städtische Galerie, Sindelfingen

    2003 Motoroma, Viaggiatori sulla Flaminia, Spoleto

    2001 All Day-Everyday, WestLB, Istanbul

    2000 Kijkdozen, Overijssels Centrum Beeldende Kunsten

    2000 Artscreen 2000, Kunsthalle Düsseldorf

    1999 Reboot, Kunst NRW/NL, Projekt der KHM Köln

    1999 Spore, Arti contemporanee nel transito epocale, Cassino

    1998 Schnittstellen, Paläontologisches Museum Münster

    1997 Contemporaneo, Pinacoteca Civica Bruno Molajoli, Fabriano

    1997 Saldo, Kunstmuseum Düsseldorf im Ehrenhof, heute museum kunst palast

    1996 Volume, Accademia di Belle Arti, Brera, Milano

    1996 Forma Urbis, XXIII Biennale di Scultura, Gubbio

    1995 Betonskulptur im 20. Jhd., Kunstmuseum Düsseldorf im Ehrenhof, heute museum kunst palast

    1994 Treibhaus 6, Kunstmuseum Düsseldorf im Ehrenhof

    1993 Räume, Albrecht Dürer Gesellschaft, Nürnberg

    1991 Dreizehn Gebote, Kunsthalle Düsseldorf


Preise, Stipendien und Förderungen


    2019 Deutsches Studienzentrum in Venedig, Stipendium der Bundesrepublik Deutschland

    2017 Buchprojekt- und Ausstellungsförderung, Karin und Uwe Hollweg Stiftung, Waldemar Koch Stiftung, Bremen

    2015 Buchprojekförderung, Stadt Wilhelmshaven, JadeWeserPort Realisierungsgesellschaft, E.ON und GDF-Suez

    2014 Filmprojektförderung, Landschaftsverband Stade, Worpsweder Museumsverbund e.V., Freundeskreis Heinrich Vogeler Stiftung

    2012 Paula Modersohn-Becker Sonderpreis

    2007 Künstlerhaus Hooksiel

    2007 Projektförderung, Stiftung van Meeteren, Düsseldorf

    2006 Buchprojektförderung, Kunststiftung NRW

    2004 Barkenhoff, Künstlerhäuser Worpswede

    2003–2004 Projektförderung, Stiftung Kunstfonds, Bonn

    2003 Projektförderung, Kunstverein für Rheinlande und Westfalen/Deutsche Bank

    2003 Stipendium der Bundesrepublik Deutschland in der Casa Baldi, Olevano Romano bei Rom

    1998 Aufenthaltsstipendium, Künstlerdorf Schöppingen

    1996 ARTEX, Austauschprogramm der Stadt Düsseldorf mit Osaka

    1994 Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW

    1991–1992 DAAD-Stipendium in Rom, Italien

    1991 Reisestipendium der Kunstakademie Düsseldorf nach Italien


Werke in öffentlichen Sammlungen


    Sammlung Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf

    Sammlung der Kunstakademie Düsseldorf

    Sammlung Deutsche Bank, Frankfurt

    Sammlung des Landes NRW, Kornelimünster

    Mercedes Benz, ehem. Daimler Chrysler, Rom

    Sammlung Graziella Lonardi Buontempo, Rom

    Sammlung Fondazione Morra, Napoli

    Sammlung, Kulturstiftung Landkreis Osterholz, Niedersachsen

    Sammlung Peter Wenzel, Hattingen

    Sammlung Wangerland, Niedersachsen

    Ev.-Luth. Nordkirche, Kiel

    Sammlung Stadtmuseum Düsseldorf

    IPSEN Logistics, Bremen


Weblinks

Website von Jost Wischnewski

Jost Wischnewski bei Bräuning Contemporary

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